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Strafrecht | 03.01.2017

Kriminelle Senioren

Alters­kriminalität: Resozialisierung mit 75?

Immer mehr ältere Menschen beschäftigen die Polizei und Justiz

Viele Menschen sind im Alter noch aktiv, manche Straftäter ebenso. Ist die Justiz richtig aufgestellt? Geld- und Haftstrafen sind nach Ansicht von Experten in vielen Fällen jedenfalls nicht angemessen.

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Demografischer Wandel auch bei Straftaten spürbar

Vor dem Amtsgericht Hamburg steht ein 75-Jähriger und weiß nicht genau warum. Der Elblotse soll ein Binnen­schiff gegen eine wichtige Autobahn­brücke gesteuert und einen Millionen­schaden verursacht haben. Doch er kann sich an den Vorfall knapp ein Jahr zuvor kaum erinnern. Der Richter fragt den Angeklagten nach seinem Alter. Der Mann muss passen. „Ich weiß nicht, welches Jahr wir haben“, sagt er schließlich. Auch auf die Frage, seit wann er verheiratet ist, kann er nicht antworten. „Es ist gut, dass Ihre Frau das nicht hört“, sagt der Richter noch humorvoll. Doch als der Angeklagte auch die Namen seiner beiden Enkelkinder nicht nennen kann, unterbricht der Richter das Verfahren. Ein Gutachter erklärt den 75-Jährigen später für verhandlungs­unfähig.

Der Prozess Ende 2015 ist ungewöhnlich, doch die Justiz in Deutschland hat es zunehmend mit alten Menschen zu tun, die Straftaten begangen haben, wie der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel sagt. Es ist die Folge des demo­grafischen Wandels. Mehr Menschen werden älter und sind körperlich noch in der Lage, Straftaten zu begehen. Zwar sind nur etwa sieben Prozent der von der Polizei ermittelten Tat­verdächtigen 60 Jahre oder älter, erklärt der Kriminologe Thomas Görgen von der Hochschule der Polizei in Münster. Aber der Anteil der Älteren an der Gesamt­bevölkerung wächst und damit die absolute Zahl der älteren Straftäter.

Selten Gewaltverbrechen

Es sind allerdings selten Gewalt­verbrechen, die von Senioren verübt werden. Eher Laden­diebstähle, Verkehrs­delikte wie Trunkenheit am Steuer oder Steuer- und Wirtschafts­straftaten. Das Klischee vom armen Rentner, der seine Not auf kriminelle Weise lindern will, hält der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel aber für falsch. Er glaubt, dass bei einem Teil der Älteren die Fähigkeit abnehme, sich normgemäß zu verhalten. „Die Menschen werden egoistischer, nehmen weniger Rücksicht auf ihr soziales Nahfeld und Gemein­wohlbelange und neigen dann dazu, Straftaten zu begehen, die sie vielleicht mit 40 bis 50 nicht begangen haben.“

Die Staats­anwaltschaften würden bei Verdächtigen im fortgeschrittenen Alter häufig Ermittlungs­verfahren einstellen, vor allem bei Ersttätern. Wenn es doch zum Prozess und einer Verurteilung komme, sei die Bestrafung in vielen Fällen ein Problem.

Inhaftierung oft schwierig

Anders als bei Jugendlichen hätten die Gerichte keine Möglichkeit, alternative Strafen zu verhängen. Eine gemeinnützige Arbeit als Erziehungs­maßnahme komme nicht in Frage. „Ältere Menschen kann man nicht erziehen“, sagt der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel. Geldstrafen könnten sie oft nicht bezahlen, eine Inhaftierung sei wegen Alters­gebrechen schwierig.

Immerhin sei der Straf­vollzug in Deutschland nicht schlecht aufgestellt, findet der Experte für demo­grafischen Wandel. Die meisten Bundes­länder hätten alters­gerechte Gefängnisse oder Abteilungen. So sind in Hamburg die Justiz­vollzugs­anstalten Fuhlsbüttel („Santa Fu“) und Billwerder sowie der offene Vollzug in Glasmoor (Norderstedt) auf Rollstuhl­fahrer eingestellt. Baden-Württemberg betreibt sogar ein spezielles Gefängnis für über 62-Jährige in Singen.

Nicht immer sei das die beste Lösung für die Älteren, findet der Kriminologe Bernd-Dieter Meier von der Universität Hannover. Der Betrieb einer solchen Haftanstalt sei zwar einfacher, weil der Sicherheits­aufwand geringer sei. Doch wenn Gefangene im Rentenalter in großer Entfernung vom Heimatort untergebracht würden, sei es schwieriger, Kontakt zu Angehörigen zu halten.

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Zahl der älteren Straftäter steigt

Die Zahl der älteren Gefangenen steigt in Deutschland. 2015 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2049 über 60-Jährige inhaftiert. Zehn Jahre zuvor waren es erst 1767, was einen Anstieg von 16 Prozent bedeutet. Die Justiz müsse sich mehr auf diesen Wandel einstellen, fordert der Hildesheimer Psychologe Werner Greve. Auch der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel kritisiert die verbreitete „Strategie des muddling through“(Durch­wursteln).

Das Justiz­personal sei nicht ausreichend vorbereitet. In der Sozial­arbeit seien neue Konzepte zur Resozialisierung eines hoch­altrigen Straf­gefangenen erforderlich. „Der Bewährungs­helfer muss nicht darauf achten, dass der nicht schon wieder eine Tanke überfällt, sondern daran arbeiten, dass es eine Lebens­perspektive gibt, für die es sich lohnt zu leben“, sagt der Hildesheimer Psychologe Werner Greve.

Ältere Straftäter werden weniger häufig rückfällig

rück­fällig werden auch ältere Straftäter, auch wenn nach Angaben des Kriminologen Thomas Görgen von der Hochschule der Polizei in Münster nur zu 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei Jugendlichen beträgt die Rückfall­quote 40 Prozent. Klar ist für die Experten, dass es keine feste Alters­grenze für die Haft- und Verhandlungs­fähigkeit geben wird.

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Quelle: dpa/DAWR/ab
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