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Strafrecht | 20.12.2022

Wirecard-Prozess

Kronzeuge: Wirecard war „Krebs­geschwür“ und Braun Täter

Kronzeuge beschuldigt Ex-Vorstands­chef Braun als Mittäter

Im Wirecard-Prozess beschuldigt der Kronzeuge Ex-Vorstands­chef Braun als Mittäter - doch dessen exakte Rolle bleibt weitgehend unklar.

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Im Wirecard-Prozess hat der Kronzeuge der Staats­anwaltschaft Ex-Vorstands­chef Markus Braun als maßgebliche Figur bei einem jahrelangen Milliarden­betrug beschuldigt. Doch zu Brauns exakter Rolle in dem Geflecht sagte der bis zum Zusammen­bruch des Konzerns 2020 für Wirecard in Dubai tätige Manager Oliver Bellenhaus am Montag wenig Konkretes. „Wirecard war ein Krebs­geschwür“, erklärte der gemeinsam mit Braun angeklagte Bellenhaus vor dem Landgericht München. „Es gab ein System des organisierten Betrugs.“

Vorwurf: Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro gebracht

Braun sei ein „absolutistischer CEO“ (Chief Executive Officer) gewesen - die zentrale Macht bei Wirecard. „Dr. Braun sorgte dafür, dass wir alle in die gleiche Richtung segelten.“ Braun und Bellenhaus sitzen seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungs­haft. Dritter Angeklagter ist der frühere Chef­buchhalter. „Mir war nicht klar, dass ich mit den Ratten ins Bett gehen und mit der Pest aufwachen würde“, sagte Bellenhaus über seine Ver­strickung in den mutmaßlich größten Betrugsfall in Deutschland seit 1945 und die Mitan­geklagten; ein Satz, den der Vorsitzende Markus Födisch anschließend rügte. Die Staats­anwaltschaft wirft den drei Angeklagten und weiteren Beschuldigten vor, eine kriminelle Betrüger­bande gebildet und mit erfundenen Gewinnen die Kreditgeber des 2020 zusammen­gebrochenen Dax-Konzerns um 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben.

Bellenhaus zeigt Reue

Der 49-Jährige sagte am dritten Prozesstag als erster der drei Angeklagten zur Sache aus. Er ist auch der einzige, der die Vorwürfe einräumt: „Ich bin erschrocken über mein eigenes Leben.“ Braun bestreitet über seine Anwälte die Vorwürfe, was Bellenhaus für unglaubwürdig erklärte. „Er sieht sich als Opfer, und das ist ein bekanntes Muster.“ Doch ging aus Bellenhaus' Aussage nicht hervor, wann die Betrügereien begannen und wie sich die mut­maßliche Bande formiert haben soll.

Brauns Verteidigung wiederum wirft Bellenhaus vor, unglaubwürdig zu sein und Firmen­gelder in Millionen­höhe veruntreut zu haben. „Aus kleinen Lügen wurden große Lügen“, ließ Bellenhaus die Anfänge der kriminellen Geschäfte im Ungefähren. „Kleine Lügen wurden zu großen Lügen, und große Lügen werden bestraft.“ Er berichtete jedoch von einer Besprechung im Oktober 2019, an der Braun teilnahm und bei der es demnach darum ging, wie Wirecard angesichts einer Sonder­prüfung der Bücher durch die Wirtschafts­prüfungsg­esellschaft KPMG die Fassade erfundener Geschäfte wahren könnte.

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Erfundene „Drittpartner“-Umsätze verbucht

Wirecard war ein Zahlungs­dienst­leister, der hauptsächlich Kredit­karten­zahlungen im Einzel­handel und im Internet abwickelte. Über das von Bellenhaus geleitete Tochter­unternehmen Cardsystems Middle East in Dubai verbuchte Wirecard laut Anklage erfundene „Drit­tpartner“-Umsätze in Milliarden­höhe. Diese Drit­tpartner waren Firmen, die im Wirecard-Auftrag Zahlungen abwickelten. Der Dax-Konzern brach dann im Juni 2020 zusammen, weil 1,9 Milliarden angeblich auf südost­asiatischen Treuhand­konten verbuchter Drit­tpartner-Gelder nicht auffindbar waren.

Damit Braun als Bandenchef oder auch nur -mitglied verurteilt werden kann, muss die Staats­anwaltschaft das Gericht überzeugen, dass er den Betrug steuerte beziehungs­weise aktiv beteiligt war. Der Manager hat über seine Verteidiger erklären lassen, dass die vermissten Milliarden tatsächlich existiert hätten, aber immense Summen unter anderem von Bellenhaus auf die Seite geschafft worden seien. Bellenhaus wies das kategorisch zurück. Die von Braun angeführten Milliarden­beträge auf den Konten ehemaliger Geschäfts­partner sind nach seinen Worten höchstens zu einem kleinen Teil Wirecard-Gelder.

Brauns Verteidiger wirft Staatsanwaltschaft Versäumnisse vor

Brauns Verteidiger Alfred Dierlamm will den Prozess stoppen lassen. Er wirft der Staats­anwaltschaft vor, viel zu spät mit der Untersuchung der tatsächlichen Zahlungs­flüsse begonnen zu haben. Die Verfahrens­beteiligten würden mit neuen Unterlagen überflutet, sagte der Anwalt - kurz vor Prozess­beginn 44 000 PDF-Seiten, danach noch weitere 11 000 Seiten. „Die Ermittlungen, die die Staats­anwaltschaft in zwei Jahren Verfahren versäumt hat und jetzt parallel zur laufenden Haupt­verhandlung durch­geführt werden, sind ein Fass ohne Boden“, sagte der Verteidiger. Dierlamms zweiter Vorwurf lautet, dass die Staats­anwaltschaft der Verteidigung wesentliche Unterlagen vor­enthalten habe.

Die Staats­anwaltschaft wies die Kritik zurück. „Die Akten zu dieser Anklage­erhebung sind vollständig“, erklärte die Ermittlungs­behörde auf Anfrage. Die von Braun und Dierlamm angeführten Milliarden auf den Konten ehemaliger Wirecard-Geschäfts­partner betreffen demnach Geschäfte, die gar nicht Teil der Anklage und somit für das Verfahren irrelevant sind. Die Kammer hat noch nicht über den Aussetzungs­antrag entschieden.

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Quelle: dpa/DAWR/ab
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