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Insolvenzrecht | 28.02.2017

Insolvenz­recht

Sanieren statt Abwickeln: Fünf Jahre neues Insolvenz­recht

Interview mit Rechtsanwalt Christoph von Wilcken von der Kanzlei Schultze & Braun zum neuen Insolvenz­recht

Unternehmen in den USA, die in eine Schieflage geraten sind, können sich schon seit ewigen Zeiten mit einer Sanierung retten. Auch deutsche Firmen haben seit ein paar Jahren mehr Möglichkeiten zu überleben. Warum eine Insolvenz keine Pleite mehr sein muss.

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Sanieren statt Abwickeln: Am 1. März 2012 trat in Deutschland das neue Insolvenz­recht in Kraft, das Unternehmen mehr Spielraum bei der Neu­aufstellung gibt. Hat es etwas genutzt? Rechtsanwalt Christoph von Wilcken von der Kanzlei Schultze & Braun ist als Anwalt im Insolvenzrecht tätig und gibt einen Einblick in die tägliche Praxis.

Fünf Jahre gibt es das neue Insolvenzrecht. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Wir sind dem Ziel, in Deutschland eine Sanierungs­kultur zu entwickeln, schon ein gutes Stück näher gekommen. Es gibt immer mehr Mandanten, die frühzeitig über eine Sanierung nachdenken und auch ein Insolvenz­verfahren als Option in Betracht ziehen. Allerdings machen die Verfahren, die der Gesetzgeber durch die Reform stärken wollte -also Eigen­verwaltung und Schutz­schirm­verfahren, bei denen die Geschäfts­führung das Heft des Handelns in der Hand behält - zusammen keine 10 Prozent der Gesamtzahl der Insolvenzen aus.

10 Prozent klingt aber eher dürftig, oder?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Das klingt erstmal nicht nach einem Erfolg, stimmt. Die Bedeutung von Eigen­verwaltung und Schutz­schirm zeigt sich aber darin, dass sie oftmals bei großen Unternehmen mit vielen Arbeits­plätzen zum Einsatz kommen. Es ist nicht der typische Ein-Mann-Betrieb.

Was genau ist dieser Schutzschirm, von dem Sie sprachen?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Unternehmen haben unter dem Schutz­schirm drei Monate Zeit, um einen sogenannten Insolvenz­plan auszuarbeiten. Während dessen sind sie vor dem Zugriff ihrer Gläubiger geschützt. Es können aber nur solche Unternehmen unter den Schutz­schirm schlüpfen, die noch nicht zahlungs­unfähig sind.

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In den USA steht eine Insolvenz weniger für Scheitern, als vielmehr für Neuanfang. Warum hat die Insolvenz hierzulande einen derart schlechten Ruf?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Das lässt sich wohl am ehesten aus der Geschichte heraus erklären. Die amerikanische Unabhängigkeit war auch eine Befreiung der Kolonisten von ihren Gläubigern in der Alten Welt. Für sie und auch für viele Einwanderer danach war es auch in finanzieller Hinsicht ein Neubeginn. Das US-Insolvenz­recht nach Chapter Eleven wurde in den 1860er Jahren eingeführt, als in den USA viele Eisenbahnen pleite­gingen. Da hat man gemerkt: Es hat keinen Sinn, die Schienen rauszureißen. Lieber hat man versucht, die Eisenbahn­gesellschaften wieder in die Spur zu bringen.

Halten Sie einen Mentalitätswandel auch in Deutschland für möglich?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Es wird besser. Immer mehr Verantwortliche in Unternehmen haben schon einmal Krisen­situationen mitgemacht - sei es als Gläubiger, Kunde oder Mitarbeiter. Für diese Leute bedeutet eine Insolvenz nicht mehr automatisch das Ende. Enorm schwierig ist es, wenn man End­verbraucher als Kunden hat. Ein Beispiel ist die Werkstatt­kette ATU, deren Restrukturierung wir 2014 begleitet haben. Wenn es damals zur Insolvenz gekommen wäre, wäre die Sanierung sehr schwierig geworden. Die Sorge war, dass die Kunden weg­geblieben wären oder ein­gelagerte Reifen abgeholt hätten, auch wenn die Insolvenz nichts am Eigentum der Kunden geändert hätte.

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Bei welchen Unternehmen gibt es die besten Chancen auf eine erfolgreiche Sanierung?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Die besten Sanierungs­voraussetzungen gibt es bei Unternehmen, die einen soliden Business Case haben, aber beispiels­weise aufgrund eines sogenannten Leveraged Buyouts, also einer fremd­kapital­finanzierten Übernahme, eine zu hohe Schulden­last schultern müssen. Dort kann man die Finanzierung neu strukturieren. Solche Unternehmen gab es viele nach der Finanz- und Wirtschafts­krise. Das waren in der Regel sichere Kandidaten für eine erfolgreiche Sanierung, denn das eigentliche Geschäft lief ja. Wenn man bei einem Unternehmen auch noch das Tages­geschäft neu ausrichten muss, dann kämpft man an mehreren Fronten und die Chancen aufs Überleben sinken.

Würden sie als Unternehmen lieber in Deutschland oder in den USA eine Insolvenz durchlaufen mit dem Ziel, wieder auf die Beine zu kommen?

Rechtsanwalt Christoph von Wilcken: Es wird sie vielleicht überraschen, aber es wäre Deutschland. Wir haben hierzulande ein günstigeres Verfahren als beim Chapter Eleven in den USA. Das können sich dort nur große Unternehmen leisten.

Siehe auch:

Anwälte für Insolvenzrecht

Quelle: dpa/DAWR/ab
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