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Reiserecht, Schadensersatzrecht und Verbraucherrecht | 17.06.2022

Chaotischer Flugreise­sommer

Flugchaos im Sommer? Was Reisende wissen müssen

Wichtige Fragen und Antworten im Überblick

Gestrichene Flüge, Probleme bei der Abfertigung an den Flughäfen: Womöglich steht ein chaotischer Flugreise­sommer bevor. Ist der Urlaub in Gefahr? Und welche Rechte haben Urlauber bei Flugärger?

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Gestrichene Flüge und lange Warte­schlangen an Check-in und Sicherheits­kontrollen: Für viele Briten begannen die Frühjahrs­ferien Anfang Juni mit einer Menge Flughafen­frust. Für die Probleme sorgten Personal­mangel bei den Airlines und Airports.

Die Zustände an den Flughäfen zeigten

Mehr Menschen wollen wieder reisen, doch die Luftfahrt­branche kann dieser sprunghaft gestiegenen Nachfrage kaum gerecht werden - es fehlen Mitarbeiter, die sich in der Pandemie andere Jobs gesucht haben oder suchen mussten.

Lufthansa und Eurowings haben für Juli jeweils schon hunderte Flüge gestrichen. Der Chef der Flug­sicherungs­gewerkschaft warnte kürzlich vor einem nie dagewesenen Chaos in diesem Sommer an deutschen Flughäfen und forderte die Politik zum Handeln auf.

Was kommt da auf Urlauber in den Sommerferien zu?

„Wir rechnen damit, dass diese Situation über den gesamten Sommer bis in den Herbst anhalten wird, da es praktisch schwierig bis unmöglich ist, in allen betroffenen Bereichen kurzfristig das benötige Personal aufzubauen“, sagt Karolina Wojtal vom Europäischen Verbraucher­zentrum Deutschland.

Was können Reisende vor dem Abflug tun?

Informiert bleiben, wie es um den Status ihres Fluges bestellt ist. Und rechtzeitig am Airport sein. „Generell sollten sich Reisende aktuell noch früher am Flughafen einfinden als sonst - mindestens zweieinhalb bis drei Stunden vor Abflug“, empfiehlt die Leiterin für Sicherheits- und Krisen­management beim Reise­veranstalter DER Touristik, Melanie Gerhardt. Wenn möglich, checkt man sich vorab online ein. Wer kann, verzichtet bei Kurzreisen auf Aufgabe­gepäck.

Wer in der Nähe des Flughafens wohnt, kann vielleicht einen Vorabend-Check-in machen und dabei auch schon seine Koffer aufgeben. Das bieten einige Airlines an, so Gerhardt, und es spart Urlaubern die Schlange am Check-in. Empfehlens­wert ist, sofort zur Sicherheits­kontrolle zu gehen, sobald man eingecheckt ist. Wer den Check-in im Vorfeld schon erledigt hat, geht direkt nach Ankunft am Airport dorthin. All diese Ratschläge gelten insbesondere für die stark gebuchten Ferien­zeiten.

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Angesichts der schon angekündigten Flugstreichungen: Wann und wie kann meine Airline meinen Flug stornieren

Grund­sätzlich kann sie das immer tun - je nach dem Zeitpunkt haben Reisende dann aber Anspruch auf Erstattungen und gegebenenfalls Schaden­ersatz. Dafür gibt es die EU-Flug­gast­rechte­verordnung. Sie ist für alle Flüge anwendbar, die innerhalb der Europäischen Union starten. Für Flüge, die in der EU landen, gilt sie nur dann, wenn die Airline ihren Sitz in einem der EU-Mitglieds­staaten hat.

Ist die gebuchte Pauschalreise für den Sommerurlaub in Gefahr?

Der Deutsche Reise­verband (DRV), der Veranstalter und Reisebüros vertritt, gibt zumindest etwas Entwarnung. „Das gut gebuchte Strecken zu den Pauschal­reise-Zielen rund ums Mittelmeer oder zu ferneren Zielen in größerem Umfang gestrichen werden, ist eher unwahrscheinlich“, teilt der DRV auf Anfrage mit. „Das gilt insbesondere für Flüge, die von den Reise­veranstaltern lange im Vorfeld eingekauft worden sind.“

Veranstalter und Reisebüros seien in engem Austausch mit den Fluggesellschaften, um die Auswirkungen von möglichen Flug­streichungen so gering wie möglich zu halten. Weiter heißt es vom DRV, dass nicht alle Airlines bislang im Detail mitgeteilt hätten, welche konkreten Flüge gestrichen werden müssten. Häufig seien aber innerdeutsche Flüge betroffen, die für touris­tische Reisen eine geringere Bedeutung haben.

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Kann ich jetzt überhaupt noch kurzfristig buchen?

Dass sich der Personal­engpass bei Airlines und Airports auf das Angebot von Last-Minute-Reisen auswirkt, damit rechnet der DRV nicht. „Es gibt weiter eine große Zahl an buchbaren Reisen für den Sommer.“

Und wenn ich jetzt noch Flüge suche - wird es dann nicht teuer?

Laut einer in dieser Woche veröffentlichten Auswertung der Flugsuch­maschine Skyscanner können Reisende mit Flexibilität Geld sparen. So seien Flugreisen in die Türkei in der letzten Augustwoche im Schnitt etwa 36 Prozent günstiger als Mitte Juli - die Ersparnis für eine vierköpfige Familie liege hier im Schnitt bei 428 Euro.

Auch mit den Abflugtagen kann man Geld sparen, wenn man es sich entsprechend einrichten kann. So sei es laut Skyscanner oft ratsam, innerhalb der Woche zu fliegen. Die Flugsuch­maschine und ihre Mitbewerber wie Kayak, Momondo oder Google Flights haben eine Kalender­übersicht, wo man die Flugpreise für bestimmte Strecken im Wochen- oder Monats­verlauf vergleichen und die günstigsten Flugtage für die gesuchte Verbindung heraus­finden kann.

Muss mich eine Airline im Fall einer Stornierung auf jeden Fall umbuchen oder laufe ich Gefahr, dass ich zwar mein Geld fürs Ticket zurückbekomme - aber dann keinen Flug habe?

Laut Flug­gast­rechte­verordnung haben Reisende in so einem Fall ein Wahlrecht zwischen der vollständigen Erstattung des Ticket­preises und einer Umbuchung durch die Airline. „Sie haben also Anspruch auf eine Umbuchung“, so Verbraucher­schützerin Wojtal. „Nur in der Praxis klappt das nicht immer.“

Kommt die Flug­streichung mit einigen Tagen Vorlauf, sollten Urlauber prüfen, was für sie günstiger ist. Womöglich können sie noch günstigere Flüge buchen, weil die Preise manchmal kurz vor Abflug noch mal sinken - das spreche für eine Erstattung. Auf die Umbuchung pochen sollte man indes, wenn die raus­gesuchten Alternativ­flüge deutlich teurer sind als der gestrichene Flug.

Was man beachten sollte: In der Regel buche die Airline den Fluggast um, so Wojtal. Ansonsten sollte man sich auf jeden Fall das Ein­verständnis für die eigenständige Alternativ­buchung von der Airline holen, damit es bei der Erstattung keine Probleme gibt.

Was ist mit meinem auf eigene Faust gebuchten Hotel oder Ferienhaus, wenn mein Flug ohne eigenes Zutun storniert wurde?

Das muss man trotzdem bezahlen. Nur wenn die Geschäfts­bedingungen (AGB) des Ferienhaus- oder Hotel­betreibers eine Stornierung vorsehen, kann man sein Geld zurück­verlangen, erklärt Wojtal. Sonst bleibt nur das Hoffen auf Kulanz.

Was gilt bei Pauschalreisen im Fall einer Flugstornierung?

Hier ist der Veranstalter zuständig. Er muss für eine Ersatz­beförderung sorgen, stellt die Verbraucher­zentrale Hamburg klar. Und der Reisepreis dürfe sich durch die neue Flug­verbindung nicht erhöhen, auch wenn der Veranstalter aufgrund der Streichung kurzfristig teurere Flüge einkaufen müsse.

Wer seine Handynummer bei der Buchung angegeben habe, wird bei Flugzeiten­änderungen oder -streichungen umgehend von unserem Sicherheits­management informiert, erklärt Melanie Gerhardt von DER Touristik. Und: „Sollte ein Gast wirklich einmal seinen Flug verpassen, kümmern wir uns rund um die Uhr um die Umbuchung.“

Bei einem annullierten Flug im Rahmen einer Pauschal­reise kommen laut Verbraucher­schützerin Wojtal Ansprüche gegenüber dem Reise­veranstalter in Betracht - auf Minderung des Reise­preises oder sogar Schaden­ersatz wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit.

Steht mir im Fall einer Stornierung als Individualreisender auch eine Ausgleichszahlung zu?

Womöglich ja. Entscheidend ist der Zeitpunkt. Erfolgt die Storno-Info von der Airline weniger als 14 Tage vor Abflug, hat man neben dem beschriebenen Wahlrecht zwischen Erstattung und Umbuchung gegebenenfalls noch Anspruch auf eine Ausgleichs­zahlung in Höhe von bis zu 600 Euro - abhängig vom konkreten Einzelfall.

Wichtige Fragen sind laut Verbraucher­schützerin Wojtal dabei: Wann wurde man genau informiert? Wurde ein Ersatzflug angeboten und wenn ja, wie viel später sollte dieser starten beziehungs­weise landen? Wie lang ist die Flugstrecke?

Konkret: Erfolgte die Benachrichtigung über die Streichung sieben Tage bis zwei Wochen vor Abflug und wurden Alternativ­flüge angeboten, die maximal zwei Stunden früher starten und maximal vier Stunden später landen als die ursprünglichen Flüge, besteht kein Recht auf Ausgleichs­zahlung. Ist man weniger als sieben Tage vorher informiert worden, gilt das nur noch für Alternativ­flüge, die maximal eine Stunde früher starten und maximal zwei Stunden später landen.

Andersfalls stehen einem in der Regel Ausgleichs­zahlungen zu. Bei Flug­strecken bis 1500 Kilometer sind es zum Beispiel 250 Euro. Das Einzige, was einem dann noch einen Strich durch die Rechnung machen kann: Wenn außergewöhnliche Umstände wie etwa extrem schlechtes Wetter für die Flug­streichung gesorgt haben.

Gut zu wissen: Muss man aufgrund einer kurz­fristigen Stornierung am Flughafen auf seinen Alternativ­flug warten, besteht Anspruch auf Betreuungs­leistungen. Je nach Länge der Wartezeit sind das Wojtal zufolge etwa Verpflegung oder auch Hotel­unterbringung.

Was gilt rechtlich, wenn ich wegen Personalmangel bei der Sicherheitskontrolle den Flug verpasse?

„Hier kommt es auf den Einzelfall an, dies regelt die Verordnung nicht“, sagt Karolina Wojtal. Ein Anspruch gegen die Airline, den Reise­veranstalter oder den Flughafen­betreiber bestehe nur, wenn sich der Fluggast rechtzeitig vor dem Abflug am Flughafen eingefunden hat.

Voraussetzung für eine Verant­wortlichkeit von Airline oder Betreiber sei darüber hinaus ein organisatorischer Fehler im Vorfeld des Check-ins oder der Kontrolle, zum Beispiel der Einsatz von zu wenig Personal, die Öffnung von zu wenig Schaltern oder Schleusen oder eine insgesamt schlechte Organisation der Abläufe.

Wie ein Urteil des Ober­landes­gerichts Frankfurt am Main zeigt, hat man bei überlangen Wartezeiten an von der Bundes­polizei organisierten Sicherheits­kontrollen unter Umständen auch Anspruch auf Schaden­ersatz durch die Bundes­republik, wenn man sich mit dem zeitlichen Vorlauf am Airport eingefunden hat, den Flughafen­betreiber oder Airline empfohlen haben. (Oberlandesgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 27.01.2021, Az. 1 U 220/20)

Ist man rechtzeitig am Flughafen und droht, wegen langer Warte­schlangen dennoch den Flug zu verpassen, sei es wichtig, den Zeitablauf zu dokumentieren, sagte der Reiserechtler Paul Degott dem Redaktions­netzwerk Deutschland (RND). So sollte man Fotos von einigen Situationen machen - etwa von der recht­zeitigen Ankunft am Flughafen, der Schlange im Terminal, der Zahl der geöffneten Schalter.

Verbraucher­schützerin Wojtal rät außerdem: Wenn es mit dem Erreichen des Fliegers knapp zu werden droht, sollte man darum bitten, bei der Kontrolle vorgezogen zu werden. „Sonst kann dem Fluggast ein Mit­verschulden an dem Verpassen des Fluges angelastet werden.“

Wer hilft einem bei Verschiebungen und verpassten Flügen, sein Recht einzufordern?

Sich selbst durch die Flug­gast­rechte­verordnung wühlen und dann mit den Airlines in Kontakt treten - vor diesem Aufwand scheuen viele zurück. Hilfreich kann an der Stelle zum Beispiel die Flugärger-App der Verbraucher­zentrale NRW sein. Mit der kostenlosen, für iOS und Android ver­fügbaren Anwendung können Reisende ihre Ansprüche prüfen und eine Mail an die Airline formulieren.

Das Europäische Verbraucher­zentrum bietet ein browser­basiertes Selbsthilfe-Tool bei Flugp­roblemen. Einen Entschädigungs­rechner gibt es auch beim Autofahrer-Club ADAC. Damit könne man seine Rechte kostenfrei prüfen und dann entscheiden, ob und wie man tätig werden wolle, so der ADAC. So könnten Nutzerinnen und Nutzer im Anschluss einen Musterbrief erstellen, die Schlichtungs­stelle für öffentlichen Personen­verkehr (SÖP) einschalten, oder Vertrags­anwälte des Clubs oder das Fluggast­rechte-Portal Myflightright beauftragen, mit dem der ADAC zusammen­arbeitet.

Solche Flug­gastrechte-Portale gibt es reichlich, weitere Anbieter sind etwa EUclaim, Fairplane oder Airhelp. Ihre Dienst­leistung kostet im Erfolgsfall Provision, abhängig von der Höhe der Erstattung. Das heißt, ein Teil der Ausgleichs­zahlung streichen die Flug­gast­helfer ein. Darum ist es ratsam, zunächst selbst die Airline direkt zu kontaktieren, etwa mit Hilfe der genannten kostenlosen Tools.

Quelle: dpa/DAWR/ab
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