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Arbeitsrecht | 10.06.2022

Berufs­rückkehrer

Lange raus aus dem Job: Gelten Berufs­abschlüsse für immer?

Wer einen Beruf erlernt hat, den bleibt dieser Abschluss ein Leben lang erhalten

Wer länger raus aus dem Beruf ist, hat zwar auf dem Papier immer noch einen Abschluss. Für manche Arbeitgeber gilt man dennoch als ungelernt. Doch es gibt Wege, in den Job zurück­zufinden.

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Auf der Suche nach geeignetem Personal verfährt Silvia Müller (Name geändert) mittlerweile flexibel. Das muss sie sein. Auch in ihrer Branche fehlen ausgebildete Mitarbeiter. Sie ist Geschäfts­führerin eines Speditions- und Logistik­unter­nehmens.

„Ein Disponent ist uns aus privaten Gründen weg­gebrochen und wir brauchten ziemlich zeitnah Unterstützung“, sagt sie. Deshalb stellte sie jemanden ein, der als sogenannter Berufs­rückkehrer gilt. Das sind Menschen, die einen Beruf gelernt, aber viele Jahre nicht darin gearbeitet haben.

Die Gründe dafür können vielfältig sein. Die häufigsten sind Kinder­betreuung, Pflege von Angehörigen, Arbeits­losig­keit. Und sie betreffen meistens Frauen. Silvia Müller wusste, dass ihr neuer Disponent wegen der Ausbildung eine Idee davon hatte, worum es in einer Spedition geht. „Darum haben wir die Option genutzt, jemanden neu aufzubauen, der einen Grundstock an Wissen hat“.

„Berufsentfremdung“: Schwerer Einstieg nach längerer Pause

Doch die Realität sieht zum Teil anders aus. „Wenn Kundinnen und Kunden mehr als vier Jahre nicht mehr im erlernten Beruf tätig gewesen sind, gehen wir von einer Berufs­entfremdung mit gesunkenem Kenntnis­stand aus“, sagt Vanessa Thalhammer von der Bundes­agentur für Arbeit. Je nach Einzelfall mache das eine Vermittlung unwahrscheinlicher.

Das deckt sich mit der Erfahrung von Alexander Bredereck. Der Fachanwalt für Arbeits­recht ist der Meinung, dass jemand bei einer längeren Pause praktisch von vorne anfangen muss. Viele Arbeitgeber würden sogar ausgebildete Fachkräfte nur als Ungelernte einstellen, wenn die Berufs­praxis zu lange her ist. Den Zeitraum legen sie laut Bredereck selbst fest.

Trotzdem gilt: „Einen Verfall von Berufs- und Studien­abschlüssen gibt es in Deutschland nicht. Sie sind ein Leben lang gültig“, sagt Robert Schweizog, der bis vor Kurzem die Position als Geschäfts­führer Bildung und Fachkräfte bei der Industrie- und Handels­kammer (IHK) in Nordrhein-Westfalen innehatte.

„Wenn die Gültigkeit befristet wäre, müsste das im Berufs­bildungs­gesetz geregelt sein. Ist es aber nicht.“ Gleich­zeitig schränkt er ein, dass ein Zeugnis kein Nachweis sei, dass die beruflichen Kompetenzen weiterhin vorliegen. Vielmehr zeige es bloß, dass sie zum Zeitpunkt der Prüfung vorhanden waren.

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Soziale Kompetenzen werden wichtiger

Spediteurin Silvia Müller hat bis vor einigen Jahren Bewerber bevorzugt, die im Job stehen oder ihre Laufbahn nur kurzzeitig unter­brochen hatten. Bei ihrem neu ein­gestellten Disponenten hat sie daher besonders auf dessen soziale Kompetenzen und die Motivation geschaut. Und, wie schnell er sich das Wissen wieder aneignen kann.

Ob Abschlüsse begrenzt gültig sein sollten, hängt für sie vom Beruf ab. „Ich denke, ein Kraftfahrer, der gelernt hat, das Fahrzeug zu bedienen, zu be- und entladen, so ein Berufs­abschluss hat aus meiner Sicht eine längere Gültigkeit als ein kauf­männischer“. Auf diesem Gebiet verändere sich technologisch, strukturell und rechtlich momentan viel.

Nicht verfallen lassen: Wissen auffrischen

Für lebenslang gültige Berufs­abschlüsse ist Jasna Rezo-Flanze, Weiter­bildungs­beraterin bei der IHK in Köln. Allerdings dürfe man sich nicht darauf ausruhen. Für sie ist eine Ausbildung wie ein Haus. „Wenn man nicht daran arbeitet, verfällt es.“ Viele Berufs­bilder veränderten sich rasant, vor allem wegen der Digitalisierung.

Sie empfiehlt, nach einer längeren Auszeit zu schauen, was sich in der Zwischen­zeit verändert hat. „Vieles kann man aktuellen Stellen­anzeigen entnehmen oder sich direkt beraten lassen. Dann erfährt man, was gefordert wird“.

Zudem gibt es Berufe mit Fort­bildungs­pflichten. Das sagt der Präsident des Verbandes deutscher Arbeits­rechts­Anwälte (VdAA), Michael Henn. Fach­anwälte wie er müssten sich beispiels­weise 15 Stunden jährlich in ihrem Rechts­gebiet fortbilden. Ohne diesen Nachweis würde ihm der Titel „Fachanwalt für Arbeits­recht“ wieder entzogen.

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Kenntnisse durch Weiterbildung auffrischen

Wer sich nach längerer Pause im Beruf unsicher ist, ob die gelernten Kompetenzen noch ausreichen, kann sich fördern lassen. Örtlichen IHKs und die Agenturen für Arbeit unterstützen etwa mit Bildungs­scheck oder einer Anpassungs­qualifizierung.

Sie hilft, das Wissen aus dem gelernten Beruf auf den neuesten Stand zu bringen und erhöht die Aussicht, wieder in die alte Tätigkeit zurückzukehren.

Doch selbst wenn das klappt, benötigen Unternehmen finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen, um Rück­kehrende neu anzulernen. Laut Robert Schweizog haben sie wegen des Fachkräfte­mangels derzeit aber nicht immer die Wahl. Unternehmen geben Berufs­rückkehrern demnach vermehrt eine Chance, auch wenn sie zunächst investieren müssen.

Quelle: dpa/DAWR/ab
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