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Arbeitsrecht | 24.06.2019

Psychische Erkrankungen

Offenheit am Arbeitsplatz: Was muss der Chef bei psychischen Erkrankungen wissen?

Vor einem „Outing“ sollten Betroffene sich beraten lassen

Verschweigen, offen reden oder lügen? Wer psychisch erkrankt, steht am Arbeits­platz vor der Frage, ob er es erzählt. Vertrauens­personen können helfen.

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Burnout, Depression, Angst­störung - wer psychisch krank ist, tut sich oft schon mit kleinen Aufgaben schwer. Der Stress im Job kann da schnell überfordern. Viele Arbeit­nehmer stehen dann vor der Frage: Sage ich meinem Chef die Wahrheit? „Ich bin auf keinen Fall verpflichtet, etwas zur Art meiner Erkrankung zu sagen“, erklärt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeits­recht in Berlin.

Krankschreibung oft durch Allgemeinmediziner

Anhalts­punkte für den Grund einer Krank­schreibung könne der Arbeitgeber aber trotzdem finden. „Bei psychischen Erkrankungen ist immer das Problem, dass aus der Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung hervorgeht, welcher Arzt mich behandelt hat.“ Eine Internet­suche verrät, ob es ein Arzt für psychische Leiden war. Betroffene ließen sich deshalb zum Beispiel lieber von einem Allgemein­mediziner wegen Magen­schmerzen krank­schreiben.

Psychische Erkrankungen keine Seltenheit

Dabei sind psychische Erkrankungen alles andere als eine Seltenheit. In Deutschland sind sie der häufigste Grund für Berufs­unfähigkeit. Das legt zumindest eine Studie der Versicherung Swiss Life Deutschland nahe. Eine psychische Erkrankung ist demnach bei mehr als jedem Dritten (37 Prozent) die Ursache für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeits­leben.

Ein erstes Alarmsignal im Job könne sein, dass man die Motivation für Dinge verliert, für die man sonst gebrannt hat, erklärt Prof. Thomas Rigotti, Arbeits-, Organisations- und Wirtschafts­psychologe an der Universität Mainz. Oder wenn man ständig müde ist, sich nicht mehr konzentrieren kann, an sich selbst zu zweifeln beginnt oder die Kontrolle zu verlieren glaubt. „Wenn das alles längere Zeit anhält, also über mehrere Tage oder Wochen, dann sind das schon klare Indikatoren, dass man nicht nur einfach kurzfristig Stress hat, sondern eine psychische Erkrankung entwickelt“, sagt Prof. Thomas Rigotti.

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Psychische Erkrankung offenlegen oder nicht

Wo bei kurzen Episoden vielleicht noch eine Krank­schreibung wegen Grippe zur Genesung ausreicht, stehen Betroffene, die länger ausfallen, vor der Frage, ob sie ihre psychische Erkrankung offenlegen oder nicht.

„Es gibt da nicht das Patent­rezept“, sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufs­strategie in Berlin. „Es ist ein Weg, den man heraus­finden muss, für sich und auch im Umgang mit den anderen.“ Die Entscheidung hänge zunächst einmal von einem selbst ab. „Es gibt Leute, die können nicht lügen“, erklärt Jürgen Hesse. Wem schon eine Lüge schwerfällt, der kann eine erfundene Geschichte kaum über längere Zeit aufrecht erhalten. Andere könnten so etwas rüber­bringen.

Daneben sollten Betroffene ein Gefühl für ihr Arbeits­umfeld entwickeln und sich fragen: Was habe ich für ein Gegenüber? Es gebe Vorgesetzte und Kollegen, die sehr verständnisvoll reagieren, und wieder andere, die eine solche Offenheit überhaupt nicht zu schätzen wissen. „Man muss jetzt nicht gleich alles erzählen, aber man kann vorsichtig schauen, wie sensibel ist mein Gegenüber, wie gut kann der zuhören, wie schnell ist der mit Patent­rezepten oder Urteilen“, rät Jürgen Hesse.

Letztlich sei es aber eine individuelle Entscheidung. „Für einige ist es ein ganz wesentlicher Schritt, dass sie lernen, darüber zu sprechen“, sagt Jürgen Hesse. „Für andere ist es ein wesentlicher Schritt, dass sie eben nicht ihr Herz nach außen kehren, sondern das für sich behalten können.“

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Das ganze Team einweihen

Ent­schließt man sich für einen offenen Umgang mit der Krankheit, sollte man es dem ganzen Team sagen. Erzählt man dem einen alles und dem anderen nichts, spreche sich das irgendwann herum, sagt Jürgen Hesse. „Dann fühlen sich die Leute, die außen vorgelassen worden sind, nicht eingeweiht worden sind, brüskiert.“

Auf ähnliche Fälle schauen

Man könne auch nach­forschen, ob es ähnliche Fälle im Unternehmen schon einmal gegeben hat, rät Rechtsanwalt Alexander Bredereck. „Geht der Arbeitgeber professionell vor, würde ich mir eher überlegen, mit der Krankheit offen umzugehen.“ Vor einem „Outing“ aber sollten Betroffene sich beraten lassen. Im schlimmsten Fall könnten psychisch kranke Mitarbeiter nach einer Offenlegung in die Eigen­kündigung getrieben werden. Sie seien instabil und damit leichte Opfer etwa für Mobbing, erklärt Rechtsanwalt Alexander Bredereck.

Mittlerweile seien psychische Krankheiten akzeptierter, findet Prof. Thomas Rigotti. Er plädiert für einen offenen Umgang. „Das Tabu ist so ein bisschen gebrochen.“ Allerdings hätten seelische Leiden noch nicht den gleichen Stellenwert wie sichtbare Erkrankungen. „Wenn man sich ein Bein gebrochen hat, dann ist das Verständnis dafür größer, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren, als bei einer psychischen Erkrankung.“

Das Büro ist für Betroffene oft eine der letzten Stationen, an denen sie sich zu einer psychischen Erkrankung bekennen. Diese Erfahrung hat Ralf Stegmann gemacht. Er ist Experte für Wieder­eingliederung bei der Bundes­anstalt für Arbeits­schutz und Arbeits­medizin in Berlin. Für eine Studie interviewte er psychisch kranke Arbeit­nehmer. Im Beruf hätten viele trotz Erkrankung „auf Autopilot“ geschaltet und oft funktioniert „bis zum Umfallen“, berichtet er. „Viele nehmen es erst wahr, wenn gar nichts mehr geht.“

Viele Unternehmen bieten Unterstützung an

Dabei gebe es in den meisten Unternehmen Stellen, die beraten und unterstützen. Das können der Betriebsrat, Betriebs­ärzte, die Schwer­behinderten­vertretung oder - im Fall von großen Unternehmen - das betrieb­liche Gesundheits­management sein. Stegmann betont: „Vertrauens­personen sind das Entscheidende.“

Quelle: dpa/DAWR/ab
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